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Diagnose

Interdisziplinäre Diagnosemöglichkeiten

Der medizinische Sachverständige ist nur selten in der Lage, ein HWS-Trauma tatsächlich nachzuweisen, da die Diagnose nur von den subjektiv empfundenen Beschwerden des Patienten bestimmt ist. Informationen zum konkreten Unfallgeschehen liegen ihm in der Regel für seine Diagnose nicht vor.

Der technische Sachverständige ist zwar in der Lage, aus den Fahrzeugverformungen und der gesamten Unfallszene die Kollisionsgeschwindigkeiten der Fahrzeuge zu ermitteln. Für ihn stellt sich aber die Frage, welche Belastungen bei Stoßvorgängen von den Insassen ohne Verletzungsfolgen für die HWS toleriert werden. Damit ergeben sich die unterschiedlichen Problemstellungen.

Je nach medizinischem Befund sind in Verbindung mit der technischen Auswertung verschiedene Konstellationen vorstellbar:

  • Aus dem medizinischen Gutachten ergibt sich keine nachweisbare Verletzung, aus dem technischen Gutachten folgt keine ausreichend hohe biomechanische Belastung. Eine Kausalität lässt sich nicht aufzeigen.
  • Aus der medizinischen Begutachtung lässt sich eine Verletzung weder nachweisen noch ausschließen; die biomechanische Belastung liegt im Grenzbereich. In einem interdisziplinären Dialog kann geklärt werden, ob und in welchem Umfang Verletzungen entstanden sein können.
  • Aus der medizinischen Betrachtung resultiert ein Verletzungsbefund; die Belastung im Fahrzeug war aber nicht ausreichend, um sie auszulösen. Ein Kausalzusammenhang mit dem Unfall liegt nicht vor.
  • Aus der medizinischen Begutachtung folgt ein Verletzungsbefund; die biomechanische Belastung war ausreichend. Eine Kausalzusammenhang ist wahrscheinlich.

Zur Eingrenzung des tolerierbaren Belastungsniveaus ist es wenig sinnvoll, eine Auswertung der Verletzungsbilder nach realen Unfällen vorzunehmen, da die simulierten Verletzungen dann zwangsläufig mit einbezogen würden. Deshalb ist es naheliegend, zunächst einmal Belastungsvorgänge der HWS im Freizeitbereich zu untersuchen. Das klassische Beispiel hierfür ist die auf nahezu jedem Jahrmarkt vertretene Autoskooter-Anlage. Diese Fahrzeuge werden nicht nur von Jugendlichen, sondern auch von Erwachsenen und sogar älteren Menschen (als Begleitung von Kindern) häufig benutzt. Hieraus lassen sich statistisch abgesicherte Erkenntnisse zu den biomechanisch tolerierten Belastungsgrößen ableiten, da Autoskooter-Anlagen seit Jahrzehnten komplikationslos betrieben werden und jedes Jahr viele Millionen von Anstößen dort stattfinden.

Nach der Durchführung von Messfahrten mit diesen Freizeitgeräten können durch reale Crash-Versuche ähnliche Belastungsverläufe reproduziert werden. Die wesentlichen Einflussparameter dabei sind Anstoßgeschwindigkeit, Überdeckung, Massenverhältnis und Strukturhärte der Fahrzeuge. Dabei wird das Bewegungsverhalten der Insassen, insbesondere die Relativbewegung zwischen Kopf und Brust, messtechnisch erfasst. Hieraus lassen sich dann auch Erkenntnisse zum tatsächlichen Verletzungsmechanismus bei HWS-Traumen ableiten.